ALTER EGO – Identität als Entwurf

Klaus Ditté, Tatjana Utz und Jürgen Böhm ab 27. Juli im Kunstverein Passau

Die menschliche Identität ist als lebenslang offener Prozess zu begreifen. Wir sind als Individuen und in der Gesellschaft unvorhersehbaren Veränderungen ausgesetzt, die unser Handeln beeinflussen. Jede Bewegung verändert die Wahrnehmung. Im Wechselspiel von Zugehörigkeit und Abgrenzung entwickeln wir unser Selbstbild stetig weiter. Drei künstlerische Positionen laden die Besucher der Ausstellung zum Perspektivwechsel ein und stellen die philosophischen Fragen: Was ist real? Und: Wer bin ich? Aber auch: Wer will ich sein?

Klaus Ditté, Photographie aus der Serie Ich fühle mich nicht ganz zu Haus in dieser Welt, 2015 – 2018, Fine Art Pigment Print auf Hahnemühle Photopapier 285 g/m², 70×100 cm

Klaus Ditté versucht hinter die Fassade der Menschen zu blicken, die ihm begegnen.
Seine Bildfolge »Ich fühle mich nicht ganz zu Haus in dieser Welt«, die ab 2015 bis heute entstanden ist, erzählt von individuellen Lebenswegen und der Suche nach einer eigenen Identität. In seinen empfindsamen Porträts will Ditté eine hinter allem Sichtbaren verborgene Wahrheit, den Seelenzustand seiner Protagonisten, festhalten. Die Einzelmotive muten wie Film-Stills an, was darauf zurückzuführen ist, dass sich

der Photograph intensiv mit dem Genre Film, im Besonderen mit japanischem Avantgardefilm und mit Werken der Filmemacher Andrej Tarkovskij und Akira Kurosawa beschäftigt hat. Es ist sorgfältig inszenierte Photographie, Ditté deckt Widersprüchliches und Absurdes in den Szenen auf und macht es dem Betrachter im Arrangement deutlich. Auch haben seine Photographien einen malerischen Charakter. Das durch die spezielle Lichtführung irrational wirkende Porträt der Frau am Fenster ist von den Filmen Ingmar Bergmanns inspiriert und erinnert an die Gemälde alter niederländischer Meister. Die in den Bildern skizzenhaft erzählten Lebensgeschichten werden im Kopf weitererzählt.
Klaus Ditté wurde 1960 in Heilbronn geboren, seit 2009 lebt und arbeitet er in Passau. Von 1985 – 87 absolvierte er eine Ausbildung zum Photographen in Heilbronn/Frankfurt und leistete danach diverse Assistenzen. Seit 1990 ist er selbständig tätig mit ­fine photography und zeigte seine freien Arbeiten bisher in über 30 Ausstellungen. Von 1993 – 2009 ist er aktives Künstler-Mitglied der Galerie für Photographie Reflexion Heilbronn und der Produzentengalerie B27 Offenau. Seit 2002 ist er Photograph bei Getty Images USA.

Tatjana Utz, aus dem Zyklus Showtime, 2014, Öl auf Leinwand, 100×120 cm – 2015, Tuschezeichnung, 29,7×21 cm – 2015, Aquarell mit Objektkasten, 42×32 cm

Tatjana Utz dokumentiert in ihrem Zyklus »Showtime« Auftritte von Münchner Travestie- künstlern.
Von den Vorbereitungen backstage bis hin zum Auftritt in schillernden Abendroben verwandeln sich die männlichen Darsteller in ihre weiblichen Alter Egos. Die Männer verkörpern nur als Kunstfigur echte Diven, in

ihrer Garderobe wechseln sie mit der Verkleidung in die andere Geschlechterrolle, die sie anschließend auf der Bühne idealisieren und parodieren. Utz transformiert die Kunst der Travestie in die Medien der bildenden Kunst, sie hält den Verwandlungsprozess in Form von Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Rauminstallation fest. Ein Film erklärt die Entstehung des Kunstprojekts. Mit ihrem Werk leistet die Künstlerin auch einen Beitrag zur aktuellen Genderdiskussion – das biologische Geschlecht macht einen zentralen Teil unserer Identität aus und erfährt im sozialen Umfeld die feste Zuschreibung einer Rolle, von erwarteten Eigenschaften und Verhaltensweisen innerhalb der Norm, die jede Interaktion beeinflussen. In der Travestie ist das soziale Geschlecht frei wählbar.
Tatjana Utz wurde 1975 geboren, sie lebt und arbeitet in München. 2006 schloss sie ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste München als Meisterschülerin von Sean Scully ab. Tatjana Utz wurde von 2008 bis 2010 durch das Bayerische Atelierförderprogramm gefördert und erhielt 2009 das Europäische Kunststipendium Oberbayern für Polen. Von 2010 bis 2014 wurde sie durch das Atelierförderprogramm der Landeshauptstadt München gefördert.

Jürgen Böhm, ELYSION 2.0, 2016, Installation, Maße variabel

Die Zelte stehen dicht aneinandergedrängt, durch die dünnen Zelt-Häute schimmert Licht, dringen Geräusche. Jürgen Böhm zeichnet mit seiner Installation ein düsteres Bild, das starke Emotionen hervorruft. »Elysion« thematisiert das tragische Schicksal von Flüchtlingen, die nach langer Reise darauf hoffen müssen, endlich die »Insel der Seligen« zu erreichen, ein Land, in dem man in Sicherheit und Frieden

Kunstverein Passau
St. Anna-Kapelle
Heilig-Geist-Gasse 4 Passau
DI-SO 13-18 Uhr
27. Juli bis 9. September

leben kann. Die Zeltwände sind bedruckt mit Lichtbildern aus 120 Jahren Geschichte von Flucht und Vertreibung. Auch Fingerabdrücke und Personalausweisnummern finden sich darauf – wie üblicher Weise zur Identitätsfeststellung der Ankömmlinge verwendet – diese stammen jedoch von Personen aus dem Bekanntenkreis des Künstlers. Auch ohne dieses Wissen, wird die Wahrnehmenden unweigerlich das beklemmende Gefühl beschleichen, dass tatsächlich jeder von uns in die Situation geraten könnte, plötzlich heimatlos zu werden. Die Zelte bieten nur behelfsmäßig Schutz, sie sind durch die Verbreitung in den Medien zu Symbolen geworden für das Warten und die Hoffnung selbst.
Jürgen Böhm wurde 1976 in Nabburg geboren, er lebt und arbeitet in Kallmünz bei Regensburg. Nach einer Ausbildung zum Holzbildhauer (1999–2002) studierte er ab 2004 an der Akademie der Bildenden Künste bei Prof. Magdalena Jetelová und schloss sein Studium im Jahr 2010 mit Diplom ab. 2015 erhielt er den Kulturförderpreis der Stadt Regensburg sowie den Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz.