INNSIDE INNTERVIEW: Aleida und Jan Assmann

„Passau muss man loben, für sein frühes und stetiges Europa-Engagement!“


WENN AM 21. JUNI DIE EUROPÄISCHEN WOCHEN IN PASSAU ERÖFFNET WERDEN, HÄLT MIT PROF. DR. JAN ASSMANN EIN GANZ BESONDERER WISSENSCHAFTLER DEN FESTVORTRAG.
UND WENN DIE EW AUSKLINGEN, BESCHLIESST SEINE FRAU, PROF. DR. ALAIDA ASSMANN,
DIE FESTWOCHEN MIT EINER LESUNG.
BEIDE, UND DAS IST WIEDER ETWAS GANZ BESONDERES, ERHIELTEN IM LETZTEN JAHR DEN FRIEDENSPREIS DES DEUTSCHEN BUCHHANDELS, GEMEINSAM!
“ALEIDA UND JAN ASSMANN SIND DAS EINFLUSSREICHSTE INTELLEKTUELLENPAAR UNSERER ZEIT”; URTEILT DIE ZEIT, DER ÄGYPTOLOGE UND DIE ANGLISTIN SORGEN MIT IHREN VERÖFFENLTICHUNGEN ZUR KULTUR, IHRER BEDEUTUNG UND AUFGRUND IHRES WESENS FÜR GROSSES AUFSEHEN.
WIR HATTEN DIE GELEGENHEIT, DEN BEIDEN EIN PAAR FRAGEN ZU DRÄNGENDEN THEMEN
UNSERER ZEIT ZU STELLEN.


Die Fragen stellte Gerd Jakobi | Fotos: privat


Sie haben sich in Ihren Arbeiten u.a. mit Fragen der Erinnerungskultur und deren Bedeutung für die Gesellschaft beschäftigt. Was werden Sie in Passau den Besuchern der Europäischen Wochen in dieser Hinsicht mit auf den Weg geben?
ALEIDA UND JAN ASSMANN: Das wollen wir noch nicht verraten!

Waren Sie schon einmal in der Dreiflüssestadt? Was verbinden Sie mit Passau?
JAN ASSMANN: Ich bin vielleicht ein, zweimal mit dem Zug durchgefahren, ohne viel von Passau zu sehen. Die Stadt soll sehr schön sein. Vor allem aber zeichnet sie sich durch politische Wachheit aus. Passau muss man loben, für sein frühes und stetiges Europa-Engagement, dafür dass nur ein einziges AfD-Mitglied, also keine Fraktion, im Stadtrat sitzt, dafür, dass die NPD, die hier große Jahresversammlungen abhielt, aus der Stadt vertrieben wurde, dass die SPD hier knapp vorne liegt.

ALEIDA ASSMANN: Ich kenne Passau vor allem von der Autobahn. Wenn das Schild auftauchte, brach in unserem Familienpassat freudige Stimmung aus: nur noch 2-3 Stunden zu unserem Fernziel in Oberösterreich! Inzwischen habe ich in der Stadt aber auch Station gemacht und bin sehr beeindruckt von der Lage, der wuchtigen Kulisse, den Flüssen und den Brücken!

Kann die Kultur die Menschen in Europa näher zusammenbringen, oder ist es naiv zu glauben, ein paar Konzerte und Ausstellungen könnten die nationalen Egoismen wirklich in den Hintergrund drängen?
JAN ASSMANN: Kultur ist mehr als Konzerte und Ausstellungen. Kultur ist der Inbegriff aller in allen möglichen Medien und Formen der Zirkulation geteilten Werte und Ideen. Es gibt nichts, was uns wirkungsvoller näher zusammenbringen kann als die Kultur, vor allem Bildung und Erziehung.

ALEIDA ASSMANN: Ja, Kultur, das sind nicht nur Kunstwerke, Kultur ist gelebte Praxis. Das ist die Atmosphäre, die die Menschen, die in einer Stadt zusammenleben, gemeinsam schaffen. Und was so
spannend ist: Jede Stadt hat ihre eigene Kultur des
Zusammenlebens.

Was ist Ihrer nach Meinung der Grund für das Wiedererstarken des Nationalismus in Europa? Was haben die „Europäer“ falsch gemacht und was sollten, was können sie Ihrer Meinung nach nun tun?
JAN ASSMANN: Die Gründe sind in Ost und West verschieden. Den osteuropäischen Staaten diente Europa zunächst als Befreiung vom Sowjetimperium und zur Rückgewinnung ihrer Unabhängigkeit. Nicht Begeisterung für Europa, sondern weg von der Vereinnahmung durch den Sowjetstaat war die Devise. Nun fühlen sie sich von Europa vereinnahmt und in ihrem nationalen Stolz frustriert. Frankreich und England kommen nicht über den Verlust ihrer einstigen kolonial-imperialen Größe hinweg. Sie fühlen sich zu groß und zu bedeutend, um sich zum Mitglied in einem Staatenverband zurückstufen zu lassen. In Holland spielt der Anti-Islamismus eine Rolle, hier wie in Deutschland verbinden sich Nationalismus und Bedrohungsbewusstsein zu einer unheilvollen Legierung. Ähnliches gilt für Dänemark. Die Europäer sollten mehr Begeisterung, Solidarität und Opferbereitschaft aufbringen, auch Stolz auf das
Erreichte. Immerhin hat die EU 2012 den Friedensnobelpreis bekommen, und das mit vollem Recht.

ALEIDA ASSMANN: Vielleicht machen ja nicht die Anhänger der EU etwas falsch, sondern die Nationalisten, die aus der EU herauswollen? Ich finde zum Beispiel den Brexit kein überzeugendes Modell, das man unbedingt nachahmen sollte und schon gar nicht den Typ von einem Staat, der den Stolz und die Ehre der Nation in den Mittelpunkt stellt und seine Bürger bevormundet. Die Europäer sind vielleicht zu träge und halbherzig mit den Anti-Europäern umgegangen. Was sie jetzt noch tun können, ist wählen gehen, entschlossen Stellung beziehen gegen Lügen, Hetze und Verdummung.

Sie haben sich als Religionswissenschaftler mit der Entstehung des Monotheismus und den drei großen Weltreligionen beschäftigt. Wie erklären Sie sich das momentane Aufeinanderprallen dieser abrahamitischen Religionen, was uns momentan wieder einmal an den Rand des dritten Weltkriegs führt? Sind das wirklich nur ökonomische Konflikte oder steckt mehr dahinter?
JAN ASSMANN: Was jetzt zusammenprallt und an den Rand des dritten Weltkriegs führt, sind die von Donald Trump angezettelten Konflikte mit Iran und den Palästinensern, und in zweiter Linie auch mit China und Europa. Je mehr Trump innenpolitisch unter Druck gerät, desto mehr versucht er außenpolitisch abzulenken. Das hat mit den abrahamitischen Religionen nichts zu tun. Der Nahost-Konflikt war und ist kein Religionskrieg. Die derzeit schärfsten religiösen Konflikte betreffen Sunniten
und Schiiten, finden also innerhalb des Islams statt.

ALEIDA ASSMANN: Was wir gerade erleben, ist die Eskalation eines Wirtschaftskrieges und kein Religionskrieg. Die Religion von Donald Trump ist das Geld.

Spiegelt die Krise der römisch-katholischen Kirche die Krise Europas wieder und wie kann diese in eine Chance umgewandelt werden?
JAN ASSMANN: Die Krise der römisch-katholischen Kirche hat in meinen Augen mit Europa nichts zu tun und kann nur durch eine zweite Reformation in eine Chance umgewandelt werden. Alle bisherigen Bemühungen um die Missbrauchsskandale sind halbherzig und gehen nicht weit genug. Nicht auf „mea maxima culpa“ kommt es an, sondern auf eine tiefgreifende Umgestaltung. Abschaffung des Zölibats, Einrichtung von Kirchengerichtsbarkeit und Ombudsleuten, Frauen in die
Kirchenämter, Schluss mit der männerbündischen Abschottung, Mut zu Transparenz und Aufklärung, klare Stellungnahme gegen Gewalt und Ausbeutung und für die Armen (in dieser Hinsicht wenigstens tut Franziskus schon viel), Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der Frau (in Sachen Verhütung und Abortion) und der Ehe für alle…

ALEIDA ASSMANN: Nur ein kleiner Teil der Europäer sind Katholiken. Die Gründung Europas auf den Katholizismus und das christliche Abendland war eine Option in der deutschen Nachkriegszeit, als man mit einer Kontinuitätsvision die NS-Vergangenheit überdecken wollte. Heute spielt das keine Rolle mehr, die EU beruht auf säkularen Werten und Notre Dame wird als europäisches Kulturdenkmal gerettet, nicht als Bastion des Katholizismus.

Zum Schluss möchten wir auch Ihnen die INNSIDE-Frage stellen: Gibt es einen Fluss in Ihrem Leben der eine besondere Bedeutung für Sie hat?
JAN ASSMANN: Ich habe in drei Städten gelebt, die alle an Flüssen liegen: Lübeck an der Trave (von 1939-1949), Heidelberg am Neckar (1949-2003), Konstanz an Rhein und Bodensee (ab 2004). Die Flüsse haben jeweils eine ganz andere Bedeutung. Lübeck ist seit dem Mittelalter eine Handelsstadt, die Trave ist das Tor zur (vor allem östlichen) Welt. Heidelberg ist eine Postkartenschönheit und der Neckar ist Inbegriff lieblichster Natur-Romantik.
Konstanz ist, was es ist, durch den Bodensee. Dass der Rhein ein kleines Stück durch die Stadt fließt, bevor er sich ein letztes Mal wieder zum See weitet, ist eine schöne Zutat. Der Fluss, der in meinem Leben die größte Bedeutung für mich hat, ist der Nil. Da kommt keiner der deutschen Flüsse mit.

ALEIDA ASSMANN: Die Bedeutung des Nil besteht für uns darin, dass es an dem Ort, wo wir lange gelebt haben, nämlich in Luxor, keine Brücke gibt. Man muss am Ufer auf die Fähre warten, wird dort mit allen Menschen und Tiefen zusammengewürfelt und manchmal auch zusammengepresst und muss seinen Piaster, die Münze, bereithalten, die zwei Brüder in Gallabiyen, die längst Millionäre sind, auf beiden Seiten eigenhändig einsammeln.

WIR DANKEN IHNEN FÜR DAS GESPRÄCH!