INNSIDE INNTERVIEW | GEORG STEINER

"Tourismusmarketing braucht Freiraum !"

PASSAU | 29.10.20212

Wer glaubt, dass Georg Steiner, Tourismuschef in Linz und gebürtiger Passauer, nach seinem sehr engagierten aber vergeblichen Kampf um den OB-Thron in seiner Heimatstadt die Puste ausgegangen ist, hat sich wohl getäuscht. Mit einem etwas schrägen und außergewöhnlichen, aber immer liebenswerten und augenzwinkernden Imagefilm über die Tourismusdestination Linz, landete er einen fulminanten Erfolg.

Nicht nur in der österreichische Medienwelt und vor allem in den Sozialen Medien war der Spot in aller Munde, sondern sorgte auch weltweit für Aufsehen. Was für ein Hit! Da könnte  man sich schon fragen, was uns da in Passau eventuell entgangen ist. Diese und einige andere Fragen konnten wir Georg Steiner nun in einem  Gespräch persönlich  stellen.


DIE FRAGEN STELLTE GERD JAKOBI
Image
© Tom Mesic

Sie haben mit dem neuen Imagefilm für die Stadt Linz einen wahren Hype ausgelöst. Wie kam es dazu?

Als Linz Tourismus sind wir gerne „out of the box“ unterwegs. Wir haben kreative Partner und wir sind mutige Auftraggeber. Wir wollten einen anspruchsvollen, augenzwinkernden, kreativen Gegenpunkt zu den vielen klassischen, schönen, tollen – aber austauschbaren und langweiligen – Tourismus-Werbefilmen setzen. Und unsere Partner haben uns ermutigt, da nicht zu kurz zu springen. Diese Kampagne und dieses Video haben wie eine Bombe eingeschlagen – sowohl bei den potentiellen Gästen, wo wir in vielen Kommentaren mitgeteilt bekommen haben, dass man nun endlich nach Linz kommen möchte – und eine ganze Menge von neugierigen Besuchen war wegen des Videos auch schon da. Die Tourismuszahlen für August/September sind schon wieder auf dem Niveau von 2019. Aber auch der Tourismusbranche fiel es wie Schuppen von den Augen. Wir haben Tourismusmarketing verändert.

„BEI EINEM SOLCHEN PROJEKT KANN DIE POLITIK NICHT MITMISCHEN, DANN KOMMT NUR WISCHI-WASCHI HERAUS.“

Viele, allen voran der Bürgermeister der Stadt Linz, waren zunächst gar nicht begeistert von der Machart des Films. Hat sich da die Lage beruhigt und was ist Ihre Erfahrung daraus?

Der Bürgermeister ist gerade mit über 70% wiedergewählt worden. Der Film knallte voll in den Kommunalwahlkampf. Da muss man für die ein oder andere unerwartete Reaktion aus dem politischen Bereich Verständnis haben. Wir werden auch wieder zusammenfinden. Aber bei einem solchen Projekt kann die Politik nicht mitentscheiden. Dann kommt nur Wischi-Waschi heraus. Es braucht einen mutigen Geschäftsführer und einen Aufsichtsrat, der Vertrauen in seine Geschäftsführung hat. Linz Tourismus ist eine eigene „Körperschaft öffentlichen Rechts“. Das erweitert die Spielräume, obwohl wir in den vergangenen 15 Jahren eine sehr eng abgestimmte Kommunikation mit der Stadt Linz gepflegt haben und auch gemeinsam damit sehr erfolgreich waren.

„VIELE SIND STOLZ AUF UNS - GERADE VOR ORT IN LINZ.“

Konnten Sie schon ein zählbares Ergebnis aus diesem Auftritt ermitteln?

Es kommen fast jeden Tag Einladungen zu Vorträgen, zu Interviews, zu Veröffentlichungen. Durch diese Aktion sind für uns Bühnen entstanden, die wir sonst nie erreicht hätten. Wir sind nominiert für den österreichischen Staatspreis für Wirtschaftsfilme. Die Anerkennung, die Gratulationen, gerade auch aus dem Kultursektor sind enorm. Wir haben es als Touristiker mit diesem Video geschafft, dass wir auch seitens vieler Kulturvertreter mal nicht mehr nur als die „schnöden Werbefuzzis“ gesehen werden, sondern dass wir in der Lage sind, die Stimmung in der Stadt und die Identifikation gerade mit den Einheimischen aufzunehmen. Viele sind stolz auf uns – gerade vor Ort in Linz. Zustimmung und Ablehnung stehen im Verhältnis 9:1.

„DIE FREIGABE DURCH EIN OB-BÜRO IST DA SICHERLICH HEMMEND, WENN NICHT TÖDLICH.“

Sind solche Kampagnen die Zukunft oder besser der „State of the Art“ in der Tourismuswerbung?  Man kennt das ja von Berlin, das immer noch arm aber sexy ist.  Und würden Sie so etwas auch für Passau sehen?

Tourismusmarkting muss kreativer werden. Gerade auch in Zeiten von Social Media. Da sind die Anforderungen gestiegen, um sich vom Mainstream abzuheben. Es geht aber nicht darum, dass das nun jeder nachmacht. Jede Destination – auch Passau – muss da einen eigenen Weg finden. Aber das braucht kreativen Freiraum, auch etwas mehr Budget und vor allem Freiheit in der Entscheidung. Die Freigabe durch ein OB-Büro ist da sicherlich hemmend, wenn nicht tödlich.

„WARUM NICHT FÜR BESTIMMT BEREICHE AUCH EINTRITT VERLANGEN!“

Nach der Covidkrise ist der Tourismus in der Region zwar wieder angelaufen, hat aber lange nicht den Status quo ante erreicht. Wäre das nicht eine Gelegenheit, das ganze Vermarktungskonzept neu zu überdenken? Hin zum Qualitätstourismus weniger Massen von Kreuzfahrern, wie immer wieder gefordert wurde?

Ich bin sehr für eine Qualitätsdiskussion, weil wir uns in Passau aktuell unter Wert verkaufen. Wenn alle überall ohne irgendwelche Begrenzungen den öffentlichen Raum nutzen können, dann führt das auf Dauer zu einem „Overkill“. Wir müssen sowohl den öffentlichen Raum – Stichwort: Schrottgasse, Residenzplatz, Steinweg, Domplatz – viel besser gestalten. Es geht um die Aufenthaltsqualität, es geht um die Aufnahmekapazität für Tourismusströme. Und warum soll man nicht für bestimmte Bereiche auch Eintritt verlangen? In Passau sollte man diese Debatte führen.

„WIR SOLLTEN UNS MEHR DAMIT BESCHÄFTIGEN, WELCHE NARRATIVE VON UNSERER STADT ERZÄHLT WERDEN.“

Wie sehen sie die Entwicklung insgesamt in Passau, da ja auch die Stadtentwicklung ein Teil der Außendarstellung ist?  Sind Sie als Passauer Bürger und Stadtrat mit der Entwicklung zufrieden?  

Ich plädiere sehr für ganzheitlichere Herangehensweisen. Gerade der Tourismus ist mehr als nur Werbung, als das Abwickeln dessen, was nach Passau touristisch einströmt. Wir müssen uns mehr damit beschäftigen, welche Narrative von unserer Stadt erzählt werden – ob von den Stadtführern, den Hoteliers und auch von den Einheimischen. Wir müssen aber auch überlegen, ob die Fixierung auf ein bestimmtes Thema wie z.B. Barock noch weitere Möglichkeiten für die Narrative, für die Produkte und für die Kommunikation eröffnet. Ich sehe Handlungsfelder von der Gestaltung der Innenstadt – siehe oben – über die Kommunikation bis hin zu Überlegungen, ob neben der Altstadt nicht auch andere Stadtteile und Sehenswürdigkeiten stärker für Gäste entwickelt werden können – Stichworte: UNESCO Welterbe Römischer Limes oder ganz einfach das Ziel, mehr Gäste in die Fußgängerzone zu leiten, anstatt die Altstadt überzustrapazieren. Ich glaube, dass damit auch mehr Kaufkraft der Gäste in Passau bliebe. Man könnte ja endlich mal mit einer Anlegestelle für die Dreiflüsse-Rundfahrten am Inn auf Höhe des Promenade-Kinos beginnen oder den Durchgang von der Fußgängerzone Richtung Seminargarten und Domplatz mal ernsthaft vorantreiben.

„FLUSSFRAGE? ICH MÖCHTE DEN DONAURAUM ALS GANZES BETRACHTEN!“

 Zur Flussfrage: Als Fan der Donau sind Sie uns bekannt! Gibt es vielleicht noch einen anderen Fluss in Ihrem Leben, der Sie inspiriert?

Ich bin an der Vils geboren und an der Isar in Landshut aufgewachsen. All diese Flüsse münden in die Donau. Und ein großer Wunsch von mir ist es, den Donauraum mit alle seinen Zuflüssen endlich gemeinsamer zu betrachten und daraus mehr zu machen. Gerade in Bayern haben die Donau und der Donauraum so gut wie keine Lobby, keine Strukturen. Da sehe ich großen Handlungsbedarf.

WIR DANKEN IHNEN FÜR DAS GESPRÄCH!