INNSIDE Innterview: Sebastian Goller

Vom Schauspielschüler zum Akademieleiter


Mit der Athanor Akademie hat die einzige Schauspielschule

Niederbayerns ihren Sitz in Passau. Sie zählt zu den

renommiertesten Schauspielschulen Deutschlands und bietet

Studiengänge in den Fächern Schauspiel und

Regie an. Sebastian Goller, vielen bekannt als Regisseur

beim Kulturmobil des Bezirks Niederbayern, hat im

Jahr 2002 die Akademie als staatlich geprüfter Schauspieler verlassen

und kehrt nun als Akademie-Leiter zurück.

Wir hatten die Möglichkeit zu einem Gespräch.


Die Fragen stellte Claudia Saller


Du leitest seit August diesen Jahres die einzige Fachakademie für darstellende Kunst in Niederbayern, die du selbst als Absolvent besucht hast. Wie fühlt es sich an, als ehemaliger Schüler seine eigene Schule zu leiten?
Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Studienzeit, die für mich eine sehr wichtige und prägende Zeit war. Und ich verdanke der Akademie sehr viel, nicht nur die künstlerische Ausbildung, sondern auch die Lebensbildung, die ich durch meine Dozenten erfahren durfte. Jetzt bin ich selbst schon seit Jahren als Dozent an der Akademie tätig und möchte meine positiven Erfahrungen an meine Schüler weitergeben. Wir wollen hier für Künstler Räume schaffen, in denen sie sich entfalten können; durch eine gute Planung, eine solide Finanzierung, einen entsprechenden Umgang miteinander. Der Schritt vom Dozenten zum Schulleiter war für mich kein sehr großer. Die Arbeit, die ich vorher für einen Jahrgang gemacht habe, mache ich halt jetzt für die ganze Schule. Da ich der Akademie seit vielen Jahren eng verbunden bin, ist es nicht allzu schwierig, jetzt die ganze Verantwortung zu tragen. Was ich sehr schön finde ist, dass ich jetzt die Dinge so gestalten kann, wie ich es mir vorstelle.

Vor vier Jahren ist die Athanor Akademie von Burghausen nach Passau gezogen. Wie profitieren die Studierenden vom jetzigen Standort?
Passau hat im Gegensatz zu Burghausen den Vorteil, dass durch die Uni sehr viel junge Menschen hier leben. Und mit dem Landestheater haben unsere Schüler die Möglichkeit, viele Vorstellungen zu besuchen. Für mich ist aber der Standort Niederbayern von viel größerer Bedeutung. Wir haben hier zwei wunderbare Theater und durch die Eröffnung der Volksmusikakademie in Freyung tun sich weitere Möglichkeiten der Kooperation auf. Niederbayern ist ganz wunderbar, mir gefällt es hier sehr gut und ich möchte dieser Region etwas zurückgeben.

In die Akademie kommen angehende Schauspieler und Regisseure aus der ganzen Welt. Welche Kriterien müssen die Bewerber erfüllen, um einen der begehrten Studienplätze zu bekommen?
Das größte Kriterium ist das Talent. Es gibt eine zweitägige Aufnahmeprüfung bei der sich das Gremium, bestehend aus sechs Dozenten, die Bewerber genau anschaut und auch mit ihnen arbeiten. Dass die Vorbereitung teilweise mangelhaft ist, ist logisch, aber wir schauen uns genau an, wie sich die Bewerber in der konkreten Arbeit verhalten, wie schnell sie Dinge aufnehmen und umsetzen können. Der Gründer der Akademie, Prof. Dr. David Esrig hat eine wunderbare Definition von Talent: Talent hat, wer die Realität der Fiktion akzeptieren kann. Da wir eine staatlich anerkannte Fachakademie sind und am Ende des Studiums die Prüfung zum staatlich geprüften Schauspieler oder Regisseur vorgesehen ist, ist die Mittlere Reife ein weiteres Aufnahmekriterium.

Die Absolventen stehen immer wieder auf der Bühne der Athanor Akademie und können so das erlernte umsetzen und ein Publikum daran teilhaben lassen. Reicht dieser Rahmen oder wären Kooperationen mit größeren Theatern in der Region eine Alternative?
Wir sind gerade dabei, ein Netzwerk aufzubauen, eine Kooperation mit dem Theater an der Rott besteht schon, soll aber noch ausgebaut werden. An erster Stelle steht hier Passau, dann kommt aber gleich der Bezirk Niederbayern. Zum einen, weil ich durch meine Arbeit mit dem Kulturmobil gut vernetzt bin, zum anderen, weil wir von der Regierung von Niederbayern finanziert werden. Für uns ist es selbstverständlich, der Region auch was zurückzugeben. Auch die Zusammenarbeit von unseren Regiestudenten mit Laientheatern in der Region kann ich mir gut vorstellen, davon würden beide Seiten profitieren. Die Laienbühnen haben einen professionellen Regisseur, und unsere Schüler können im Real-Life ausprobieren, wie es ist, eine Mannschaft von 10 bis 15 Beteiligten zu führen und ein Stück mit dem ganzen Drumherum zu inszenieren. Aber auch auf Bundesebene und europaweit wollen wir die bestehenden Kooperationen noch ausbauen.

Wird in Passau genug für die darstellende Kunst getan oder bräuchte es weitere Spielstätten um eventuell auch freie Theaterproduktionen zu ermöglichen?
Ich sehe es als meine Aufgabe, die Akademie in der Stadt bekannt zu machen, die Akademie soll ein Bestandteil der Passauer Kultur werden. Wir haben hier einen wunderbaren Theaterraum, aber leider steht unsere Schule etwas außerhalb von Passau, in Grubweg. Ein Grund mehr für uns, zu den Leuten in die Stadt zu kommen. Wir sind mit der Stadt Passau in Kontakt und führen Gespräche, um geeignete Spielstätten zu finden.

An der Athanor Akademie werden Schauspiel und Regie für Film und Theater gelehrt. Wohin zieht es die Schüler? Eher vor die Kamera oder auf die Bühne?
Die Gewichtung beim Unterricht liegt bei ungefähr 70 % Theater und 30 % Film, das heißt, der Schwerpunkt liegt im Theater, daher sind die Schüler eher theateraffin. Wer Schauspiel lernt, um Filmschauspieler zu werden, wird höchstwahrscheinlich scheitern, weil der Filmmarkt sehr gesättigt ist. Die meisten Filmschauspieler brauchen ein zweites Standbein, und das bietet eben das Theater.

Du selbst bist Schauspieler und Regisseur, welches Fach hat den größeren Reiz für dich?
Beide Fächer sind absolut reizvoll! Was ich sehr gerne mag ist die Abwechslung. Nach einer Regiearbeit mit der ganzen Verantwortung freue ich mich darauf, mich als Schauspieler um nichts weiter zu kümmern als um meine Rolle. Aber nach kurzer Zeit merke ich, dass ich auch wieder gestalten will.

Zum Schluss auch an dich unsere INNSIDE-Flussfrage: Mit welchem Fluss kannst du dich identifizieren und warum?
Ich bin direkt neben der Rott aufgewachsen, damals konnte man darin auch noch baden. Was mich total fasziniert hat war das Wehr, welche Kraft die stille Rott da plötzlich entwickelt hat.

WIR DANKEN DIR FÜR DAS GESPRÄCH


Vita:
1997-2002 | Schauspielstudium an der Athanor Akademie für darstellende Kunst mit staatlichem Abschluss
1999-2004 | Lehrbeauftragter des Grundkurses Dramatisches Gestalten am Gymnasium Pfarrkirchen
2003-2007 | Schauspiel- und Regiedozent an der Athanor Akademie für darstellende Kunst
2007–2009 | Lehrbeauftragter des Grundkurses Dramatisches Gestalten am Gymnasium Pfarrkirchen
2014 – jetzt | Schauspiel- und Regiedozent an der Athanor Akademie für darstellende Kunst
2007-2012 | Mitglied des Ensembles im Theater an der Rott
2009-2016 | Schauspieler bei den Carl Orff Festspielen
2012-2016 | Gastschauspieler im Theater an der Rott
2013 – jetzt | Mitglied des Improtheaters „Mördernacht“
2015 – 2018 | Arbeit als Theaterpädagoge
2016 | Integrationspreis der Regierung von Niederbayern für „Mitten in Niederbayern“
2017 | Heimatpreis des bayerischen Heimatministeriums für Lebensraum Rottal e.V.
2015 – 2016 | Schulleitung der Montessori Schule Eggenfelden
2016 -2017 | Fünf Säulen Leitung der Montessori Schule Eggenfelden
2018 – 2019 | Regie Kulturmobil des Bezirks Niederbayern
seit August 2019 | Schulleitung Athanor Akademie für darstellende Kunst