Wo die Solidarität Wurzeln schlägt

Ein Besuch bei den Wurzelwerkern

Miteinander und füreinander bewirtschaften die
Mitglieder des Vereins Vereinte Wurzelwerke Ilztal e.V. ein Stück Acker und ernten
neben frischem Gemüse jede Menge Freude.


von Claudia Saller

An einem heißen Sommernachmittag fuhr ich, begleitet von Mike, einem Mitglied der „Wurzelwerker“, den verschlungenen Weg hoch zum Acker des Vereins, gelegen über der Ilz, inmitten von Aronia-Feldern. Das erste, was ich hörte war: Stille; kein Verkehrslärm, keine Hektik. Gabi, die Gärtnerin, werkelt bedächtig in den Beeten, die einzigen Geräusche kommen von Willi dem Esel, den Ziegen und Vögeln.

Es ist Mittwoch, und mittwochs ist Erntetag bei den Wurzelwerkern. Mike führt mich als erstes in den Lagerraum des ehemaligen Kuhstalls in Unteröd. Hier stehen Kisten mit der Ernte dieser Woche bereit zur Abholung für die Mitglieder des Vereins. Auf einer Tafel ist aufgeführt, wie viele Tomaten, Kartoffeln, Zucchini,
Fenchel, Paprika usw. jeder bekommt. Wir treffen Veronika, die sich gerade ihre Kiste zusammenstellt. Sie ist begeistert vom Solidargedanken und nimmt sich
aus dem Korb mit Kartoffeln ihren Anteil. Doch nicht nur die schönsten und größten, auch von den kleinen und schrumpeligen wandern welche in ihre Kiste. Das ist selbstverständlich für sie: „Auch die Mitglieder, die später kommen, sollen noch schöne Kartoffeln bekommen.“

Weiter geht’s durch einen Nebenraum nach draußen, hier hängt, Haken an Haken, die Arbeitskleidung der Wurzelwerker und auf einer weiteren Tafel stehen
die anstehenden Arbeiten. Denn es wird hier nicht nur solidarisch geerntet, sondern auch solidarisch gearbeitet. Jedes Mitglied verpflichtet sich zu einer Mitarbeit von vier Stunden im Monat. Kontrolliert wird das nicht, jeder ist selbst dafür verantwortlich, seinen Beitrag zu leisten.

Draußen auf dem Acker lerne ich Steffi Wehner und Florian Fischer kennen, zwei der drei ehrenamtlichen Vorstände des Vereins. Flo ist Gründungsmitglied
und studierter Bauer, Steffi ist Geographin und hat zum Thema „Nachhaltige Landnutzung und gesellschaftlicher Wandel“ promoviert. Beide setzen sich mit Leidenschaft für die Solidarische Landwirtschaft ein und sind von dem Konzept überzeugt. Flo erzählt mir bei unserem Rundgang über das Feld und durch die Folientunnel vom Kreislauf der Natur, vom Schafsmist als Dünger und von der Schafwolle an den frisch gepflanzten Apfelbäumen, die vor Rehverbiss schützt. Dass in diesem Jahr nicht nur das Gemüse üppig wächst, sondern auch das Unkraut, ist offensichtlich. Steffi : „Pflanzenschutz, vor allem das Beikraut im Zaum zu halten, passiert bei uns insbesondere durch die Hände der Mitglieder; und
unsere Laufenten übernehmen das Schneckensammeln.“

Der Verein arbeitet nach den Prinzipien der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Durch das spezielle Anbausystem in den drei Tunnels kann auch im Winter die Abhängigkeit von Gemüseimporten möglichst gering gehalten werden. Dazu trägt auch das Gewächshaus in Ratzing bei, das mit der Abwärme einer Biogasanlage betrieben wird.

Weil die Nachhaltigkeit für die Wurzelwerker hier noch lange nicht aufhört, wurde in der Innstraße eine zweite Abholstelle eingerichtet. Dies sorgt für kurze Wege, die die meisten Mitglieder mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen.

Unser Rundgang endet im Schatten des Kirschbaums bei der Freiluftküche. Die Wurzelwerker Fritz und Monika haben Zwetschgendatschi gebracht und Kaffee
gekocht. Sie sind heute nicht zum Arbeiten gekommen, sondern wie so oft, einfach nur um die Atmosphäre zu genießen und nette Leute zu treffen.

v.r.: Die Vorstände des Vereins Wurzelwerke Ilztal e.V.
Steffi Wehner und Florian Fischer mit dem Mitglied Mike Bauer


VEREINTE WURZELWERKE ILZTAL E. V.

Die Solidarität in dem Verein funktioniert nur auf einer verlässlichen Basis. Diese Basis wird am Anfang eines Erntejahres geschaffen.
Jedes Mitglied sichert zu, dass es 12 Monate lang einen bestimmten Betrag pro Monat zahlt und auf den Feldern und Folientunneln mitarbeiten wird oder sich anderweitig in den Verein einbringt. Dafür erhält er oder sie im Gegenzug 12 Monate lang einen Ernteanteil.

Details hierzu unter: www.vereinte-wurzelwerke.de