INNSIDE Innterview: Dr. Carsten Gerhard

AUF DAS FREIHEITSPROJEKT EUROPA ACHTGEBEN!


NACH DEN TURBULENTEN FESTSPIELEN 2018, DIE OHNE EINEN INTENDANTEN UND MIT EINEM
RUMPFTEAM ÜBER DIE BÜHNE GEBRACHT WERDEN MUSSTEN; KANN DER VEREIN DER
EUROPÄISCHEN WOCHEN HEUER AUF EINEN GEORDNETEREN VERLAUF HOFFEN. DAFÜR STEHT DER NEUE KÜNSTLERISCHE LEITER DER FESTSPIELE, DR. CARSTEN GERHARD, DER GLEICH ZU BEGINN SEINER TÄTIGKEIT MIT EINEM ÜBERZEUGENDEN KONZEPT AN DIE ÖFFENTLICHKEIT GETRETEN IST.
WIR HATTEN DIE GELEGENHEIT ZU EINEM GESPRÄCH MIT IHM.


Die Fragen stellte Gerd Jakobi

Sie sind künstlerischer Leiter der Europäischen
Wochen. Was ist für Sie der Unterschied
zur Stellenbeschreibung des Intendanten?

Als künstlerischer Leiter verantworte ich die Programmgestaltung der Festspiele innerhalb eines vorgegebenen Honorarbudgets. Die Gesamtverantwortung trägt der Vorstand. Mir war es ausgesprochen wichtig, dass die Festspiele in diesem Jahr gemeinschaftlich von einem Team aus Vorstand, Schatzmeister und mir als künstlerischem Leiter getragen werden. Wir treten, musikalisch ausgedrückt, als Kammerensemble an.

Sie haben auch ein neues Konzept für die EW
mitgebracht. Was bedeutet das im Einzelnen?

„Brennpunkte und Höhepunkte“ lautet die Formel. Wir produzieren Theateraufführungen, Lesungen, Vorträge und Konzerte, die sich mit brennenden europäischen Fragen beschäftigen. Und wir bieten europäische Austauschprogramme für junge Musikschüler und Chöre. Das gehört beides unter das Etikett „Brennpunkt“. Unter dem Stichwort „Höhepunkte“ gastieren renommierte Orchester, Ensembles und Solisten aus der klassischen Musik.

Es gab erhebliche Turbulenzen im letzten Jahr, bei denen die EW negativ in die Schlagzeilen gerieten und der Intendant von Bord ging. Was hat Sie bewegt, nach Passau zu kommen?
Die Freude daran, das Programm dieses ehrwürdigen
Festivals gestalten zu können. Und mich reizt die Frage:
Was kann ein Kulturfestival im Jahr 2019 zur europäischen Verständigung beitragen? Ich glaube, wir müssen auf das ‚Friedens- und Freiheitsprojekt Europa‘ achtgeben, die EW haben hier eine ganz aktuelle Relevanz.

Was sind für Sie die spannendsten Veranstaltungen der EW 2019?
Unsere Eigenproduktionen, weil sie so nirgends anders
zu erleben sind: Die deutsche Erstaufführung des
Flüchtlingsdramas „Lampedusa Way“ in der X-Point-

Halle, die historische Rekonstruktion des ersten Konzerts, das Beethoven als Veranstalter selbst organisierte, unsere Ausstellung „La Grande Guerra Bianca“ des italienischen Fotografen Stefano Torrione, unsere musikalischen Austauschprogramme mit London und Amsterdam, die „Nachtstücke“, bei denen aufstrebende Künstler in warmen Sommernächten auf Plätzen in der Altstadt musizieren. Ich finde alle Veranstaltungen spannend, jede hat ihren eigenen Charakter.

Welche Erwartungen haben Sie an die diesjährigen
Festspiele und was sind die Ziele für die Zukunft?

Volle Konzerte und künstlerisch spannende Veranstaltungen, die anregen, aufwühlen, nachdenklich machen – oder auch einfach nur beglücken.

Auf welche Künstler freuen Sie sich persönlich am meisten?
Auf Brennpunkt-Gäste wie den Philosophen Dieter
Thomä, den Friedenspreisträger des Deutschen
Buchhandels Jan Assmann, das Gedenken an den
80. Jahrestag des Attentates von Georg Elser auf die
NS-Führungsmannschaft – und auf musikalische
Höhepunkte mit Concerto Köln, der Academy of
St. Martin-in-the-Fields, der Amsterdam Sinfonietta
und viele hochkarätige Solisten. Schließlich freue ich
mich auch auf viele Kooperationen, unter anderem mit
dem Berufsverband Bildender Künstler Niederbayern
unter Hubert Huber, mit den Musikschulen in Passau
und im Landkreis, mit dem Universitätschor unter
Dr. Schwemmer, mit dem Landestheater Niederbayern
und weiteren Partnern aus der Region.

Natürlich sind wir gespannt, wie Sie die INNSIDE
Frage beantworten und mit welchem Fluss sich
Carsten Gerhard am ehesten identifizieren kann?

Die schwerste aller Fragen. Die Donau fasziniert mich als
Kulturachse, an der entlang sich europäische Geschichte
vollzieht und vollzog. Am Inn liegt meine Jogging-
Strecke – wunderschön bei morgendlichem Flussnebel.
Die Ilz muss ich erst noch für mich entdecken…

WIR DANKEN IHNEN FÜR DAS GESPRÄCH